Information statt Irritation

Blutdruck-Selbstmessung / Zielgruppe "50plus"

Sie sind beliebt, sie liegen in jeder Wohnung - schnuckelig-schöne Geräte zur Blutdruckselbstmessung. Auch immer mehr ältere Menschen nutzen sie - und leider immer mehr lassen sie irgendwann links liegen. Ärgerlich und unnötig, findet Frank Leyhausen (Geschäftsführer MedCom International). Als Berater der Deutschen Seniorenliga (DSL) entlarvt er im Gespräch mit MTD die Tretminen des Nutzeralltags, die die Lust am Blutdruckmessen drücken und den Frust pushen. Zugleich ermuntert er die Industrie, die Zielgruppe ,,50plus" aktiv in die Produktentwicklung einzubinden. Es geht und lohnt sich.

Herr Leyhausen, die Selbstmessung des Blutdrucks zu Hause oder unterwegs ist heute Alltag. Auch ältere Menschen machen das. Wo tauchen für Seniorinnen und Senioren bei der Selbstmessung Probleme auf?

Aus unserer Erfahrung gibt es zwei zentrale Themen: Zum einen gehen die Kontinuität der Selbstmessung und das systematische Erfassen der Messwerte im "Tagesgeschehen" sehr oft unter; zum anderen wird oft eine nicht richtig passende Manschette verwendet, sodass die Messung ungenau wird.

Ist älteren Personen überhaupt klar, was die Messwerte bedeuten?

Tatsache ist, dass die älteren Patienten leider häufig nicht genau wissen, wofür die Angaben systolischer und diastolischer Blutdruck stehen. Andererseits wissen sie aber genau, in welchen Bereichen sich die Werte befinden sollten.

Sind die Bedienungsanleitungen für ältere Menschen aus Sicht der DSL brauchbar? Wo gibt es Defizite resp. Verbesserungspotenzial?

Leider gibt es hier große Unterschiede. Die Bedienungsanleitung spielt gerade für ältere Patienten eine wichtige Rolle. Denn im Gegensatz zu jungen Menschen probieren sie technische Geräte weniger intuitiv aus. Sie vertrauen hinsichtlich der richtigen Bedienung des Geräts vor allem auf die Bedienungsanleitung. Per se ist eine ausreichende Schriftgröße und eine kontrastreiche Darstellung der Anleitung wünschenswert. Bei einer grafischen Darstellung der Bedienung ist es wichtig, die Bilder nicht zu verschachteln, sondern jeden Schritt mit einem einzelnen Bild zu erläutern. Hilfreich ist zudem eine separate Kurzanleitung für den regelmäßigen Gebrauch. Sprachlich sind viele Bedienungsanleitungen leider das Ergebnis einer automatisierten Übersetzung. Das führt oft zu unverständlichen Anweisungen. Wir haben den Eindruck, dass der Bedienungsanleitung generell zu wenig Beachtung geschenkt wird. Dabei handelt es sich hier um einen relativ geringen Kostenfaktor, der aber großen Einfluss auf die Kundenzufriedenheit und damit auf die Compliance hat.

Die Deutsche Seniorenliga hat schon mehrfach Geräte nebst Bedienungsanleitung von Senioren testen lassen. Es ist erschreckend, wie groß der Einfluss einer (schlechten) Anleitung ist. Hier kann die Industrie mit geringem Aufwand viel bewegen.

Haben Seniorinnen und Senioren bestimmte Vorlieben bei der Gerätewahl?

Oberarmgeräte sind aufgrund der größeren Bedienfelder gefragter. Wichtig ist aber - unabhängig vom Gerätetyp - das "Erfolgserlebnis" mit einem Gerät. Wir unterscheiden hier Effizienz und Zufriedenheit. Effizienz bedeutet, dass der Nutzer das Blutdruckmessen in angemessener Zeit und ohne große Verständnisprobleme leisten kann. Zufriedenheit bedeutet für uns, dass das Produkt leicht bedienbar ist. Zudem muss nachvollziehbar sein, was das Produkt macht, wie fehlertolerant es arbeitet und wie eindeutig es eine Fehlbedienung kommentiert. Je größer das Erfolgserlebnis, desto besser ist die Compliance.

Die DSL gibt in regelmäßigen Abständen Informationen zum Thema Bluthochdruck heraus. Dabei fällt auf, dass die Themen "Richtig messen" und "Mit dem richtigen Gerät messen" eine zentrale Rolle spielen. Liegt hier so viel im Argen?

Es gibt hier sicher noch Potenzial, um die Ergebnisse und die Bereitschaft zur regelmäßigen Selbstmessung zu steigern. Ein schlecht zu bedienendes Gerät, das den Nutzer frustriert statt informiert, fördert nicht die Bereitschaft zur Selbstmessung. Gleiches gilt für das Messen selbst. Offensichtlich werden die einfachen Grundregeln oft nicht vermittelt. Folge: Durch falsche Haltung und/oder durch einen falschen Zeitpunkt für die Messung beeinflussen die Älteren die Messergebnisse. Wir sehen hier eine große Informationslücke, die eine ausführliche Beratung beim Kauf in einem guten Sanitätshaus zumindest teilweise schließen kann.

Was sind typische Fehler von älteren Menschen beim Messen des Blutdrucks?

Die Kontinuität lässt bei vielen Senioren mit der Zeit nach und die Werte werden nur unregelmäßig erhoben. Zudem sind eine falsche Haltung und das falsche Anlegen der Manschette oft ein Grund für ungenaue Messergebnisse. Um diese Schwachstellen ins Bewusstsein der Menschen zu rücken, legen wir viel Wert auf eine kontinuierliche Information der älteren Menschen.

Spielt hier auch die (mangelnde) Beratungsqualität eine Rolle?

Leider ja. In Discount- und Flächenmärkten findet ja keine sachkundige Beratung statt. Wir gehen davon aus, dass eine Vielzahl der Käufer - mangels Beratung und Einführung - unzufrieden mit den Geräten sind und die Selbstmessung über kurz oder lang einstellen. Eine Einweisung zum Thema und zum Umgang mit einem spezifischen Gerät braucht eine fachkundige Beratung, die wir derzeit nur in Sanitätshäusern und Apotheken vorfinden.

Hat die DSL mit Blick auf Rückmeldungen von Seniorinnen und Senioren Informationen zur Hand, zu welchen Punkten man vom Fachhandel eine fundierte Beratung erwartet?

Die Leute erwarten am Ende der Beratung ein Gerät zu finden, das sie leicht und sicher bedienen können - und nicht eines, das für sie eine tägliche Herausforderung darstellt. Sie wollen ein Gerät, das zu ihnen passt, ihr Budget nicht überschreitet und trotzdem eine gute Qualität bietet.

Welche Gerätefeatures sind aus Sicht der DSL mit Blick auf ein seniorengerechtes Blutdruckmessgerät unverzichtbar, welche überflüssig?

Wichtig sind eine intuitive Bedienbarkeit sowie ein gut lesbares und kontraststarkes Display. Zudem sind nachvollziehbare Fehlermeldungen und Bedienerhinweise wünschenswert, wie zum Beispiel eine Meldung, wenn die Manschette falsch angelegt wurde. Überflüssiges ist per se schwierig zu benennen. Es wird sich im Einzelfall schnell herausstellen, welche Features entbehrlich sind bzw. auf welche aus Budgetgründen verzichtet werden muss.

Gibt es "seniorentaugliche" Blutdruckmessgeräte auf dem Markt?

Mit Sicherheit gibt es eine Vielzahl gut bedienbarer Geräte auf dem Markt. Grundsätzlich sind wir aber der Auffassung, dass es nicht so sehr um reine "Seniorenprodukte" geht. Denn letztendlich spiegeln die Bedürfnisse von Senioren auch die Anforderungen jüngerer Menschen wider. Die Industrie sollte bei der Entwicklung neuer Produkte viel früher und umfassender ältere Menschen einbeziehen.

Die Gesellschaft wird immer älter, die Zielgruppe ,,50plus" ist auf dem Vormarsch. Ist die Industrie darauf vorbereitet?

Nur bedingt. Dass sich die Altersstruktur in Deutschland verändert, ist mittlerweile Allgemeinwissen. Dennoch findet sich diese Erkenntnis sowohl bei der Industrie als auch im Handel nur selten wider. Produktentwicklung wird immer noch nach Maßgabe des technisch Möglichen betrieben und nicht nach dem Menschennötigen. Viel zu selten stehen die echten Bedürfnisse der Kunden im Mittelpunkt. Grund hierfür mag sein, dass teilweise banale oder banal scheinende Kundenwünsche nicht dem Anspruch der Produktentwickler gerecht werden. Nicht viele Features, sondern ausgewählte sinnvolle Features überzeugen gerade ältere Kunden. Auch der Handel ist gefordert, sein Personal auf die Fragen und Verständnisprobleme der älteren Kundschaft vorzubereiten.

Sie unterstützen in diesem Zusammenhang aktiv das Projekt "Open ISA", welches das Thema "Kundenintegration" in den Mittelpunkt rückt - speziell mit Blick auf die Entwicklung neuer Produkte. Weshalb und mit welchen "Erfolgserlebnissen" bis dato?

Wir wollen erreichen, dass bei Produkt- und Dienstleistungs-Innovationen mit Senioren gearbeitet wird und nicht Lösungen "für die Senioren" am grünen Tisch entwickelt werden - also Kundenintegration von Beginn an. Im Rahmen des Projektes lassen wir die potenziellen Kunden Produktideen generieren und gelangen so an Erfahrungswissen im Umgang mit Produkten und Dienstleistungen. Diese sogenannten Consumer-Insides werden mit den herkömmlichen Methoden der Marktforschung nicht ausreichend berücksichtigt. Im Gegensatz zur Marktforschung präsentieren wir Menschen nicht unternehmensseitig entwickelte Ideen, um dann aus diesem begrenzten Angebot wählen zu müssen. Wir sammeln "Verbesserungsvorschläge" auf Basis von Lebens- und Produkterfahrungen der Anwenderseite. Umgesetzt wird eine solche Kundenintegration in Form eines Online-Ideenwettbewerbes. Im Rahmen des Forschungsprojektes werden wir in naher Zukunft fünf Wettbewerbe mit Unternehmen realisieren können. Einen ersten haben wir zum Thema "Handy der Zukunft" erfolgreich durchgeführt: Über 250 Ideen wurden von mehrheitlich älteren Menschen eingereicht - in einer außergewöhnlichen Qualität. Die Ergebnisse zeigen, wie teilweise mit geringem Aufwand die Kundenzufriedenheit mit einem Produkt deutlich gesteigert werden kann. Informationen zum Wettbewerb sind im Internet unter der Adresse www.einfachtelefonieren.de zu finden. Dort bekommt man auch einen Eindruck, welches Potenzial in dieser Form der Produktentwicklung steckt.

Wer hat bei diesem Projekt die Federführung, wer ist mit im Boot?

Das Projekt wird vom Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen koordiniert. Professor Frank Piller, ausgewiesener internationaler Experte im Bereich der "open innovation", hat maßgeblich dafür Sorge getragen, dass wir mit dem Projekt die Möglichkeit haben, den vermeintlichen Widerspruch von Innovationsfähigkeit und Alter zu widerlegen. Zudem sind der Lehrstuhl für Textlinguistik und Technikkommunikation, die DSL sowie weitere Projektpartner aus der Wirtschaft beteiligt.

Könnten Sie skizzieren, wie ein solches Projekt aussieht und welches Potenzial darin schlummert?

Für das ausgewählte Produkt wird eine Wettbewerbsplattform ins Netz gestellt und über eine weitreichende Medienarbeit zur Teilnahme aufgerufen. Hierbei binden wir auch regelmäßig regionale Seniorenbüros und Seniorenvertreter ein, die in ihrem Umfeld oft als "Moderator" von kreativen Gruppen arbeiten. Der Wettbewerb läuft üblicherweise über drei Monate. Nach Ablauf der Einsendefrist bewertet eine mehrköpfige Jury die Ideen und wählt die Sieger. Die Sieger werden dann entsprechend der Wettbewerbsauschreibung mit Preisen bedacht und/oder zu einer Feier eingeladen. Der Unternehmenspartner kann dann im Nachgang zum Wettbewerb die eingereichten Ideen umsetzen bzw. diese als Basis für Innovationen nutzen. Er erhält so einen direkten messbaren Input für seine Produktentwicklung. Wir sind begeistert, wie positiv die Medien und auch die älteren Menschen auf unser Projekt reagieren.

Werden Sie weitere solcher Projekte unterstützen? Könnte hier auch das Thema Blutdruckmessgeräte im Mittelpunkt stehen?

Natürlich! Wir könnten zu praktisch jedem Produkt- oder Dienstleistungsangebot einen Ideenwettbewerb durchführen. Das ist ja das Beeindruckende an diesem Projekt. Das Instrument eines Ideenwettbewerbs ist vielseitig einsetzbar und nach unseren Forschungsergebnissen des bisherigen Projektverlaufs auch ausgezeichnet mit Senioren zu realisieren.

An wen können sich Interessenten wenden, die am Projekt "Open ISA" teilnehmen wollen?

Interessenten wenden sich einfach direkt an mich. E-Mail-Adresse: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Herr Leyhausen, danke für das Gespräch.

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